Rittergut Beienrode
Eingang zum Park

Park des Rittergutes Beienrode

Die Parkanlage des Rittergutes wirkt heute wie ein verwunschenes grünes Kleinod an der Schunter. Von der einstigen Parkgestaltung zeugen viele alte Bäume. Im Frühjahr leuchten tausende Buschwindröschen aus den Waldbereichen heraus. Dann folgen Bärlauch und Wiesenschaumkraut und färben Wald und Wiesen weiß. Die extensive Parkpflege lässt der Natur viel Raum und der stimmungsvolle Weg entlang der Schunter gestattet einen wahrlich erhabenen Blick über die Wiesen des Naturschutzgebietes Lutterlandbruch. Auch wenn nur wenige Zeugnisse aus der Geschichte des Parks vorliegen, ein Besuch der restaurierten Gutsanlage und Spaziergänge unter den knorrigen Bäumen sind zu jeder Jahreszeit ein Natur- und Kulturerlebnis.

Beienrode ist seit seinen Anfängen stark von der adeligen Grundherrschaft geprägt. Ein „Bauerndorf“ ist es nie richtig gewesen, es blieb immer ein Gutsdorf. So bestanden im 18. Jahrhundert neben der Gutsanlage nur 7 Kotsassenstellen, die zusammen 11 Morgen Land bewirtschafteten. Ein Auskommen war damit nicht zu erzielen; große Höfe fehlten ganz.

Mit einer Urkunde aus dem Jahr 980 tritt Beienrode in die schriftliche Überlieferung ein. Kaiser Otto II. übertrug auf Veranlassung des Markgrafen Dietrich von Haldensleben villa Bodenrod einem Grafen namens „Mamecho“ erb- und eigentümlich. 1373 wird ein Jordene von Boyenrode als Eigentümer genannt. 1402 geben die von Hondelage die Hälfte des Zehnten an das Kloster Riddagshausen.

 

 

342 Jahre von Veltheim

Das Adelsgeschlecht von Veltheim übernahm 1411 das Rittergut und lenkte dann für fast 400 Jahre die Geschicke des Dorfes. Bauliche Hinterlassenschaften aus dieser Zeit sind die Kapelle (ca. 1433) und zum Teil der Gutshof. Georg Phillip von Veltheim (1703-1758) begann im Jahr 1735 mit der Umgestaltung der Anlage. Von den davor bestehenden Gebäuden ist nichts erhalten geblieben, eventuell ist noch die Mauer entlang der Steinumer Straße ein Überbleibsel des ursprünglichen Gutshofes. Georg Philipp stellt 1753 den Weiterbau ein, verkaufte das Gut und zog nach Destedt. Willecke (1925) schreibt, dass das Wohnhaus zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt war und es auch nie werden sollte. Vermutlich sollte es gegenüber der Toreinfahrt seinen Platz finden. Das jetzige Wohngebäude war ursprünglich ein Stall. Die Schmuckseite des prächtigen Gebäudes mit dem wunderbaren Altan liegt direkt an der Schunter. Normalerweise wäre es zur Gartenseite ausgerichtet.

Auf einer Grenzkarte aus dem Jahr 1726 (Abb. 1) sind die auf Georg Philipp von Veltheim zurückgehenden Gebäude noch nicht zu sehen. An der Stelle des heutigen Parks ist eine Gartenanlage eingezeichnet. Auf der Karte ist noch der ursprüngliche, sich durch die Wiesen schlängelnde Verlauf der Schunter zu sehen, aber auch schon der kanalartige Graben entlang des Parks, der wenig später zum noch heute existierenden Verlauf wurde. An Georg Philipp von Veltheim und seine Frau Charlotte Katharina von Lindheim (1704-1784) erinnern die beiden Wappen über der Einfahrt im Torhaus des Gutes.

 

 

Abb. 1: Ausschnitt aus einer Grenzkarte des Jahres 1726 (aus: Kretzschmar, 1975).

100 Jahre wechselnde Besitzer

Das Gut Beienrode wurde 1753 an den Berghauptmann Georg Gottfried von Bülow verkauft. Nach dessen Tode ging das Gut an seinen Sohn, den Hofjagdjunker, späteren Oberforstmeister und Drosten Johann Julius Karl Franz von Bülow über, der mit Elisabeth Auguste von Veltheim (*05.12.1742), einer Tochter Georg Philipps von Veltheim, verheiratet war. Von diesem erwarben es der Major, spätere Generalleutnant Johann August v. Veltheim und dessen Gattin Amalie Philippine, geborene von Hugo-Sulz. Amalie Philippine hatte als Bevollmächtigte ihres Ehemannes schon 1813 die Landwirtschaft an Hauptmann von Horn in Uhry verpachtet. Die Eigentumswechsel wurden nun immer kurzfristiger: 1829 Karl Georg von Garßen, 1840 Ludwig Thedel Georg von Cramm, 1849 Gutsbesitzer B. Kuntzen.

 

 

1860-1936: Freiherren Knigge

1860 hatte Oberstleutnant Otto Freiherr Knigge (1808-1885) das Rittergut erworben. Er war der Vater von Leo Freiherr Knigge (1848-1906), Vizeoberjägermeister des Herzogs von Braunschweig. Leo ließ im Park das Erbbegräbnis anlegen und wurde dort als erster im Alter von 58 Jahren begraben. Seine Söhne Odal und Norwin fielen im Ersten Weltkrieg und wurden ebenso wie ihre Mutter, geborene Freiin Hildegard von Cramm im Parkfriedhof beerdigt.

Berühmter Vorfahre war Adolph Freiherr Knigge (1752-1796), Schriftsteller der deutschen Aufklärung und Verehrer der Französischen Revolution. Berühmt wurde er mit seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“, ein soziologisch ausgerichtetes Werk der Aufklärung und kein Benimmratgeber, für das es allgemein gehalten wird. Er legte das „von“ im Namen ab.

Die Freiherren Knigge waren das letzte Adelsgeschlecht in Beienrode. Durch den frühen Tod der männlichen Erben fiel das Rittergut als Majoratsbesitz an den in Hannover wohnenden Kurt Freiherr Knigge.

1936-1952: Prof. Herbert Gericke

1936 verkaufte Kurt Freiherr Knigge das Rittergut an Prof. Herbert Gericke. Gericke war Zeichenlehrer an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin und Mitarbeiter im preußischen Kultusministerium.

Herbert Gericke übernahm 1929 die Direktion der deutschen Kunstakademie „Villa Massimo“ in Rom. Aus Anlass des Hitlerbesuches in Rom 1938 wurde er aufgrund seiner Verbindungen zur jüdischen Stifterfamilie des Gründers der Akademie, Eduard Arnhold, aus dem Amt entlassen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde 1956 auf der Grundlage eines bilateralen deutsch-italienischen Kulturabkommens die Villa Massimo an Deutschland zurückgeben und als Kunstakademie wiedereröffnet. Ihr Leiter wurde bis 1965 wieder Herbert Gericke.

In Beienrode ließ Gericke umfangreiche Umbauten im Herrenhaus vornehmen.

 

 

1952 bis heute: Flüchtlingsselbsthilfewerk und Haus der helfenden Hände.

Das Rittergut ging 1952 in den Besitz des Flüchtlingsselbsthilfewerks des Hilfskomitees der evangelischen Deutschen aus Ostpreußen und wurde zur Heimat für ostpreußische Pfarrwitwen und –waisen. Im letzten Drittel des letzten 20. Jahrhunderts war das ehemalige Gut Ort der Pfingsttreffen der Friedensbewegung und der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. 2001 wurde das Rittergut umfassend saniert und wird heute als Alten- und Pflegeheim durch die gemeinnützige „Haus der helfenden Hände GmbH“, deren Gesellschafter die Evangelische Stiftung Neuerkerode und die Maria-Stehmann-Haus-Stiftung ist, betrieben. Die zum Rittergut gehörenden Ländereien sind seit 1975 verpachtet.

 

 

Die Parkanlage

Um die Geschichte der Parkanlage aufzuhellen, reichen die Literaturquellen nicht aus. Nur durch intensive Archivarbeit kann vielleicht die frühere Nutzung und Gestaltung nachvollzogen werden. Die Karte von 1726 (Abb. 1) zeigt an der Stelle des heutigen Parks eine Gartenanlage. Dabei wird es sich vermutlich nicht um eine barocke Anlage gehandelt haben, sondern eher um einen Küchengarten. Aber auch dieser Nutzgarten kann neben Gemüse- und Obstanlagen auch Zierelemente enthalten haben. Der sich heute als eine einheitliche Grünfläche darstellende Park besteht historisch aus zwei Teilen. Die eigentliche Parkanlage ist der Bereich zwischen Rittergut, Schunter und Steinumer Straße gelegene Teil, der entlang der Straße von der Natursteinmauer eingefasst ist. Der südlich davon befindliche Teil, der bis an den Feldweg heranreicht, ist erst später dazugekommen.

Als von Cramm das Rittergut 1840 kaufte, wurde ein Inventar aufgestellt, in dem auch der Garten aufgeführt ist: „… ein circa 7 Morgen großer, mit verschiedenen Lustparthien, namentlich einem Boskett, einer Terrasse und einer großen Allee von Kastanienbäumen, geschmückter landschaftlicher und ein etwa 1 ½ Morgen großer Garten für den Pächter …“. Leider existieren keine Gehölzlisten, Pläne oder Abbildungen, die die Veränderungen und Entwicklungen des Parks dokumentieren.

Die nächste bildliche Darstellung des Parks erhalten wir mit der Preußischen Landesaufnahme (Abb. 2). Das „Urmesstischblatt“, die erste Karte im Maßstab 1:25.000, zeigt den Zustand um 1900. Hier ist mit genauer Wegeführung ein landschaftlich gestalteter Park eingezeichnet. Die an der Steinumer Straße verlaufende Natursteinmauer schloss den Park nach Süden hin ab. Diese Abgrenzung ist heute nicht mehr vorhanden. Interessant ist, dass der südlich angrenzende Teil schon einen großen Waldanteil aufgewiesen haben muss. Ferner sind zwei Gebäude und zwei Freiflächen zu erkennen, die Nutzflächen gewesen sein könnten. Über diesen Parkteil ist der Schriftzug „Fasanerie“ angelegt. Der Eigentümer zurzeit der Erstellung des Messtischblattes war Leo Freiherr Knigge (1848-1906). Er war Vizeoberjägermeister des Herzogs von Braunschweig. Es wird sich hier eine größere Aufzuchtanlage für Jagdfasane befunden haben.

 

 

Abb. 2: Preußische Landesaufnahme. Parkzustand ca. 1900.

Bemerkenswert ist ferner der Eiskeller in der südöstlichen Ecke des ursprünglichen Parks. Er stellt sich heute als bewaldeter Hügel dar und ist noch begehbar. Über sein Alter ist nichts bekannt. Er lässt aber darauf schließen, dass der alte Parkteil und evtl. auch der südlich angrenzende früher als Nutzgarten betrieben wurden.

Ein bedeutendes Element im Beienroder Gutspark ist das Familienbegräbnis der Freiherren Knigge. Von einer hohen Mauer umgeben und mit einem schmiedeeisernen Tor abgeschlossen, ist er auch heute noch Begräbnisplatz und ein Ort der stillen Einkehr.

 

 

Abb. 3: Erbbegräbnis

Den alten herrschaftlichen Glanz lässt heute noch die dem Altan des Herrenhauses vorgelagerte Treppe zur Schunter (Abb. 4) erkennen; auch wenn nur noch eine Steinkugel auf den Brüstungen vorhanden ist. Der Zugang zum Park erfolgte von hier aus entlang der Schunter zu einer Kastanienallee. An dem heute hier verlaufenden Rasenweg stehen noch immer einige alte Kastanien. Nachgepflanzte Bäume erhalten das stimmungsvolle Schattenspiel zwischen den Gehölzen, der Wiesen im Naturschutzgebiet Lutterlandbruch und der Schunter.

Abb. 4: Treppe zur Schunter vor dem Altan des Herrenhauses (Foto: Sammlung Christa Hertel)
Abb. 5: Die DGK 5 (ca. 1970) mit eingezeichnetem ehemaligen Schunterverlaufzeigt zeigt recht gut den heutigen Zustand des Parks (aus: Kretzschmar, 1975).

Der Beienroder Gutspark ist über das Rittergut oder den südlich angrenzenden Feldweg frei zugänglich. Das am Parkeingang befindliche Café Zeitlos ist samstags von 15:00 bis 18:00 Uhr und sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 05353-91340) geöffnet.


Adresse:

Beienroder Hauptstraße 1, 38154 Königslutter-Beienrode

 

 

Abb. 6: Weg an der Schunter

Literatur

Bornstedt, Wilhelm (1980): Beienrode am Dorm bei Königslutter und Beienrode am Wohld bei Flechtorf und die Urkunde Kaiser Otto II. vom Jahre 980. Eine geschichtliche und siedlungsgeographische Untersuchung. Braunschweigisches Jahrbuch, Band 61, S. 127-134.

 

Hundertmark, Edeltraut (1975): Der Landkreis Gifhorn.

 

Kretzschmar, Lars: Die Schunterburgen. Beiheft zum Braunschweigischen Jahrbuch. Selbstverlag des Braunschweigischen Geschichtsvereins. 1975.

 

Spengemann, Wilhelm Cornelius: Chronik der Gemeinde Beienrode. 1980. http://beienrode.de/index.php?item=7 abgerufen 17.05.2014

 

Weber, Friedrich: Hans-Joachim Iwand und das Haus der helfenden Hände in Beienrode. In: Braunschweigischer Kalender 2011, S. 34-38.

 

Willeke, Georg: Beiträge zur Geschichte des Kirchspiels Ochsendorf. Gesammelt und bearbeitet in den Jahren 1913 bis 1925. Braunschweig, 1925.

 

Windholz, Angela: Zur Geschichte der Deutschen Akademie in Rom. http://www.villamassimo.de/de/geschichte/geschichte-der-villa-massimo abgerufen 17.05.2014

 

 

Klaus Hermann, 22. Juni 2014